Innovationsmanagement im deutschen Mittelstand

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„Innovationsfreunde kann man nicht verordnen, sie muss gelebt werden.“ so Frederik G. Pferdt, Head of Innovation & Creativity Programs bei Google im brand eins Themenheft „Innovation“. „Um innovativ zu sein, braucht der Mensch Vertrauen in die eigenen Ideen. Und das entwickelt sich am besten in einem Umfeld, das auf Neues positiv und im wahrsten Sinne neugierig reagiert.“ Google wird immer gerne als Beispiel herangezogen, wenn es um Ideenentwicklung und Innovation geht. Aber wie kreativ und innovativ ist der deutsche Mittelstand? Wir sprachen mit einer, die es wissen muss. Sabine Rings ist Geschäftsführerin bei NEU – der Gesellschaft für Innovation mit Sitz in Düsseldorf. Sie hat schon viele mittelständische Unternehmen auf ihren kreativen Reisen begleitet und mit ihnen zusammen eine Kultur geschaffen, die Innovation zulässt.

Lesen Sie hier unser Interview:

„Wenn du schnell vorankommen willst, geh allein. Wenn du weit vorankommen willst, geh mit anderen.“ Passt dieses afrikanische Sprichwort für Sie zum Thema Innovation und Ideenfindung?

„Um zu einer Idee zu werden, muss ein Gedankenimpuls aus unserem Unterbewusstsein einen Weg in unser bewusstes Denken finden. Bei 11 Millionen elektrischen Impulsen pro Sekunde kein einfaches Unterfangen. Jeder Mensch braucht unterschiedlich viele Impulse, um eine Idee zu entwickeln. Und jeder Mensch braucht unterschiedlich lange dafür. Erst wenn wir diese Idee bewusst wahrnehmen, können wir sie entweder verwerfen oder mit anderen teilen und dann auch voranbringen.“

Was hat „Loslassen“ mit Innovation zu tun?

„Kreativität zulassen fällt vielen leichter, wenn sie ihre gewohnte Alltagsroutine verlassen und in einem ungewohnten Rahmen kreativ sein dürfen. Entspannung und somit Loslassen ist eine wichtige Voraussetzung, um kreativ bzw. innovativ zu sein. Schon eine gemütliche Kaffeeküche, in der inspirierendes Material ausliegt, kann entscheidende Entspannungsimpulse setzen. Wenn im selben Raum dann noch die Möglichkeit zum Sammeln von Ideen geschaffen wird, z. B. durch Pinnwände, kann die Mission „Ideenfindung“ starten. Denn jeder Sinn, der zusätzlich angesprochen wird, stimuliert die Kreativität um Faktor 10 (pro Sinn).“

Wie unterscheidet sich die Innovationsfindung im Mittelstand verglichen mit den Möglichkeiten, die ein Konzern seinen Mitarbeitern z B. durch eigene Innovationsbüros schaffen kann?

„Ideen sollten im Unternehmensumfeld entstehen. Aber es fällt Mittelständlern oft nicht leicht, die entsprechenden Weichen intern zu stellen. Somit wird eine Unternehmensberatung oder Agentur mit der Ideenfindung beauftragt. Aber wenn Ideen von außen kommen, scheitern sie sehr häufig. Externe bringen zwar oft gute Ideen in ein Unternehmen ein, aber sie sind meist nicht an deren Umsetzung beteiligt. Oder die Ideen sind nicht gemeinsam mit den Mitarbeitern entstanden. Daher werden sie als „fremd“ angesehen und können sich als „Fremdkörper“ dann auch nicht durchsetzen. Das konnte ich besonders häufig im mittelständischen Umfeld beobachten. Hier ist es besonders wichtig, dass Mitarbeiter bereits in der Ideenentwicklungsphase eingebunden werden.“

Kann man „Innovationsfreude“ verordnen, sprich: aus dem Management heraus anordnen? Und wenn ja, welche Voraussetzungen müssen im Unternehmen geschaffen werden, damit das gelingt?

„Drei Säulen bilden die Voraussetzung für Innovationsfähigkeit im Unternehmen:

  • Wollen: Der Wille zur Innovation und eine Lust an der Ideenfindung bildet die Basis. Hier kommt dem Management eine Vorbildfunktion zu. Die Belegschaft folgt, wenn ihnen vorgelebt wird, dass Ideen willkommen sind.
  • Können: Sind der Wille und das Verständnis da, braucht es die richtigen Werkzeuge. Budget muss dafür bereitgestellt werden. Und die Werkzeuge müssen eingeführt und benutzt werden. Auch wieder eine Managementaufgabe.
  • Dürfen: Ideenentwicklungsprozesse müssen erlaubt sein. Die Mitarbeiter sollten sich Zeit dafür nehmen dürfen. Und ihnen muss Raum gegeben werden, um ihre Ideen mitzuteilen. Die (Frei-)Räume sollten nach und nach Teil der Unternehmenskultur werden.“

Wie sehr ist das Thema „Innovation“ mit der Abteilung Research & Development bzw. Forschung & Entwicklung verbunden?

„Eine Innovationskultur entsteht nicht von heute auf morgen. Sie muss Schritt für Schritt eingeführt werden und mit der Akzeptanz der Mitarbeiter wachsen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Ideen überall im Unternehmen entstehen – und die Ideen aller Mitarbeiter aus sämtlichen Bereichen wichtig sind, um das Unternehmen in seiner Gesamtheit stetig nach vorn zu bringen.
Wenn es darum geht, neue Produkte zu entwickeln, ist in der Regel die R&D-Abteilung zuständig. Interdisziplinärer Input – vor allem auch aus dem Vertrieb mit gelebtem Kundenbeziehjungsmanagement – während der Ideenphase ist aber auch hier nie verkehrt.

„Wieso, die blauen Streifen in der Zahnpasta sind doch innovativ.“ Die Meinungen darüber, was überhaupt innovativ ist, gehen weit auseinander. Ganz wichtig ist deshalb, dass eine unternehmensweite Begriffsdefinition geschaffen wird.“

Welche Methoden setzen Sie ein, wenn Sie gerufen werden und das Thema „Ideenentwicklung“ in ein Unternehmen bringen sollen?

„Das folgende Szenario begegnet uns immer wieder: Die Geschäftsführung hat voller Elan und ohne Kosten zu scheuen zu einem zweitägigen Ideenworkshop eingeladen. In entspannter Atmosphäre und losgelöst vom Tagesgeschäft ist es allen Beteiligten gelungen, Verkrustungen zu lösen und Neues auf den Weg zu bringen. Alle gehen voller Tatendrang wieder an den Arbeitsplatz zurück und es passiert… nicht viel. Ein, zwei Ideen werden von einer internen Taskforce umgesetzt, aber der Rest der Belegschaft bemerkt davon nichts und von einer Innovationskultur ist das Unternehmen noch meilenweit entfernt.

Sehr schade, denn in den Köpfen der Mitarbeiter wirkt der Workshop weiter und nicht wenige haben ein paar Tage oder Wochen später neue Einfälle und Ideen. Aber wohin damit?

Es reicht nicht, einmal im Jahr einen Ideenworkshop abzuhalten. Das ist zwar ein Anfang, aber um eine Innovationskultur einzuführen, braucht es mehr. Es müssen Tools und Möglichkeiten geschaffen werden, die Ideen auch nach Workshops und Meetings aufgreifen und sammeln. Ideenmanagement-Systeme sind eine Antwort. Hierin können Ideen digital gesammelt und sortiert werden und sie gehen zumindest nicht verloren. Aber auch das reicht noch nicht aus, denn nicht jeder hat einen EDV-Arbeitsplatz. In produzierenden Unternehmen meist weniger als 30 Prozent, somit würden 70 Prozent aller Mitarbeiter nicht am Innovationsprozess teilnehmen. Ein Unding. Deshalb setzen wir unterschiedliche Werkzeuge ein, die den Innovationsprozess am Leben erhalten und weiter befeuern.“

Räumen zur Ideenentwicklung in Unternehmen können manchmal sehr gewollt wirken. Warum sind solche Räume (trotzdem) wichtig?

„Es geht nicht nur um das Sammeln von Ideen. Ideenprozesse müssen sichtbar gemacht werden. Und anfassbar. Der haptische Sinn ist in unserer hochtechnologisierten Welt meist unterfordert. Daher ist der Einsatz von multisensorischen Werkzeugen in der Ideenfindung so wichtig.

Um auf neue Gedanken zu kommen, sollte man häufig seinen Blickwinkel ändern. Seine Denkroutinen verlassen. Das Sitzgefühl verändern. Oder sich bewegen. Ein Innovationsraum erlaubt es den Mitarbeitern, im Unternehmen „raus“ zu kommen.

Ideenentwicklung geht auch auf kleinerem Raum. Wir haben z. B. den iCube geschaffen, ein speziell für die Bedürfnisse im Mittelstand (ab ca. 50 MA pro Standort) entwickeltes Multitool. Er ist mannshoch und sieht ein bisschen wie eine rollbare, eckige Litfaßsäule aus. Er steht für alle sichtbar in stark frequentierten Bereichen, z. B. vor der Kantine. Auf ihm können auf vier Seiten Ideensammlungen aus Workshops abgebildet werden. Mitarbeiter werden zum Mitmachen aufgefordert und können sich direkt an ihm und auf ihm beteiligen.“

Liebe Sabine, ganz herzlichen Dank für das sehr erhellende Gespräch. Wir finden, es passiert eine Menge in Richtung Innovationsmanagement. Nicht nur bei Google, sondern auch im deutschen Mittelstand.

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